Wildwasser-Männertour 2010 am Allier

06 Dezember 2010  Es war die 7. Männertour in Folge und wirklich, im verflixten 7. Jahr hatte es Jürgen erwischt. Er konnte leider aus beruflichen Gründen nicht dabei sein. Ansonsten bestand die Gruppe aus Paul und Lothar, die das 7. Jahr gut überstanden und Richard und Marc, die erstmals dabei waren. Am 22.9.2010 wurde um 17:00 Uhr gepackt und um 18:00 Uhr war Abfahrt. Nach langen 900 km kam die Gruppe gegen 4:30 Uhr am Campingplatz am Rande des Örtchens Lepont de Alleyras an. Im Schein der Stirnlampen wurden sehr leise, um niemanden im Schlaf zu stören, die Zelte aufgebaut. Nach einem kräftigen Schlummertrunk taumelten alle übermüdet in den Schlaf. Schon nach kurzer Zeit wurden wir jedoch geweckt (es war Brunftzeit) und etliche Hirsche buhlten lautstark um die Gunst der Hirschkühe, die in der Morgendämmerung neben dem Campingplatz zum Trinken den Allier aufsuchten. Erst als es etwas heller wurde gaben die Hirsche Ruhe und wir schliefen nochmals ein. Tagsüber bemerkten wir, dass wir die einzigen Gäste auf dem Campingplatz waren.

Nach einem ausgiebigen Frühstück fuhren wir bei sonnigem Wetter mit den Booten auf dem Dach stromaufwärts und paddelten die Waldschlucht bis zum Campingplatz. Eine detaillierte Flussbeschreibung spare ich mir, die findet man z.B. bei http://www.kajaktour.de/allier.htm. Für den Rücktransport des Autos fühlten wir uns danach zu schwach und haben das nach einstimmigen Beschluss auf den nächsten Tag verschoben. Bei sternklarer, kalter  Nacht gesellten sich zu den Stimmen der Hirsche, die Rufe der Eulen und das Heulen der Wölfe. Es wurde immer deutlicher, hier ist es sehr, sehr einsam.

Am Freitagmorgen kamen die Drahtesel zum Einsatz und es ging bergauf in Richtung des abgestellten Autos. Es waren nur 20 km Fahrstrecke, aber deutlich über 500 Höhenmeter zu überwinden. Tatsächlich - wir sind Helden; und haben den beschwerlichsten Radaufstieg  unseres Lebens gemeistert. Dafür wurden wir mit einer atemberaubenden Abfahrt belohnt. Wir mussten nur einmal anhalten, weil die Finger vom Bremsen verkrampften und die Felgen heiß wurden. Nach dem Rücktransport und dem Einkauf war die Tageszeit soweit vorangeschritten, dass keine Zeit mehr für eine weiter Paddeltour blieb. Dafür konnten wir ausgiebig grillen, den Wein der Auvergne kosten und bis in die Nacht Geschichten erzählen.

Am Samstag und Sonntag paddelten  wir den attraktiveren Teil, die Monistrolschlucht. Diese Kombination aus Paddeln, Radfahren und Wandern ist immer etwas sehr Spezielles und hat schon mehrere Männertouren mitgeprägt. Nach meiner Erinnerung gab es 6 Kenterungen, die aber alle glimpflich, also ohne irgendwelche Blessuren verliefen. Da auf allen Paddelabschnitten kein Handyempfang vorhanden war, die Schluchten sehr unzugänglich und weitab der Zivilisation liegen, wäre dort ein Unfall auch
fatal gewesen.

Für den Sonntagabend stand der Gruppenbeschluss längst fest: Der Proviant wird möglichst vorher aufgebraucht, später  gehen wir Essen und probieren die örtliche Hopfenkaltschale. Gegen 19:00 Uhr betraten wir das einladend aussehende Restaurant am Ort, wurden von der Empfangsdame mit einem prüfenden Blick abgeschätzt und gebeten, die außen angebrachte Speisekarte zu betrachten, die dann auch umgehend beleuchtet wurde. Nach kurzem Studium der Karte lobten wir die Menschenkenntnis  der
Dame: das günstigste Menü lag bei 55 EURO, die Flache Wein ab 45 EURO, nur Frühstück wäre günstiger gewesen. So konnten wir ohne peinliche Situationen den Ort der Gaumengenüsse verlassen Unsere Budgetplanung sah deutlich anders aus. Marc hat sich erbarmt, uns zum nächsten Ort zu fahren. Dort hatten wir bereits ein Restaurant besichtigt und als akzeptabel befunden.

Das Wetter schlug um; es kam heftiger Wind auf, der sich zum Sturm verstärkte. Auf der Straße lagen bereits abgebrochene Äste, doch der Hunger trieb Marc voran und wir erreichten das angestrebte Restaurant; leider geschlossen. Zurück Richtung Campingplatz und weiter nach Prades; tatsächlich das Restaurant war erleuchtet und wurde gerade von einem Paar verlassen. Wir wurden gefragt, ob wir reserviert hätten. Bevor überhaupt eine Antwort möglich war, wurde geschlossen, einfach vor der Nase der Schlüssel umgedreht und das Licht ausgemacht. Die Mägen knurrten, es war ca. 21:15 Uhr. Wir beschlossen zum Campingplatz zurückzufahren und mit einem kleinen Umweg zu einem weiteren Dorf mit Restaurant,  noch eine letzte Chance zu ermöglichen; leider geschlossen.

Nach 3 Stunden und 80 km Autofahrt  erreichten wir ausgehungert und fast verdurstet den Campingplatz. Es herrschte vollständige Dunkelheit; der Sturm hatte wahrscheinlich ein Stromkabel zerrissen. Wir sammelten alle Reste: Mineralwasser, Apfelschorle, Milch, etwas Müsli, für jeden eine Scheibe altes Brot, etwas Käse, eine Scheibe Schinken, Müsliriegel, Kekse und Bonbons.

Eigentlich waren wir jetzt ganz froh, nicht weiter hungern zu müssen; schließlich waren wir nach 3 Stunden Nahrungssuche erfolglos zum Ausgangspunkt zurückgekommen. Und jetzt stand es endgültig fest; es ist sehr, sehr einsam dort.

Eigentlich sollte hier der Bericht zu Ende sein. Als wir uns am 18.10.2010 zur Nachbereitung der Männertour trafen und die Fotos austauschten, hat Marc gebeten, auch über die letzte Nacht zu berichten.

Also, nachdem wir zum Schlafen in die Zelte gekrochen waren, verstärkte sich der Wind nochmals und rüttelte an den Zeltwänden, dass an Schlaf kaum zu denken war. An Pauls Zelt sind dann 2 Stangen gebrochen und weil er Angst hatte, von umstürzenden Bäumen erschlagen zu werden, ist er ins Auto ausgewandert und hat dort die restliche Nacht auf dem Autositz verbracht.

Auch Marc hatte heftige Angst vor umstürzenden Bäumen und war heilfroh, als um 6:00 Uhr Morgens der Wecker das Signal zur Abfahrt ertönen ließ. Es regnete in Strömen und klatschnass wurde das Lager abgebrochen. Die Gesichter bei der Einnahme des Morgenkaffees im Sanitärgebäude zeigte das Mienenspiel, wie man es sonst von Teilnehmern eines Überlebenscamps kennt.

Ich finde, diese Männertour war wie sonst auch richtig toll
Ahoi
Lothar

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