Weser-Marathon 2019

04 Mai 2019   Und endlich ist er da, der 4. Mai - Abfahrt zum Weser-Marathon, herbeigesehnt in düsteren Winter-Schreibtischtagen…

Treffen um 10 Uhr am Bootshaus, vorher noch letzte Verbesserungen am Bootssitz – wie kriegt man ein Stück Hartplastik bloß so gepolstert, dass man 8 Stunden darauf sitzen kann?! Schnell sind dann die Boote auf dem Hänger und das Gepäck im Bus – viel darf es nicht sein, weil alles 80km weit im Boot mitgenommen werden muss…

Nach der Erfahrung vom letzten Jahr, dass so ein Zweier mit 2 Zelten, Isomatten, Schlafsäcken, Kanusäcken und dem Kleinkram den man sonst noch so braucht ziemlich schwer ist, haben wir uns dieses Jahr gegen das Zelten entschieden und stattdessen das Matratzenlager im Gemeinschaftsraum der Jugendherberge in Hannoversch Münden gebucht. Im Nachhinein sicher eine weise Entscheidung, was das Gewicht der Boote angeht, und bei Minustemperaturen die bequemere Variante – wer hat schon Lust, morgens um 5 Uhr eisige Heringe aus der Erde zu ziehen? – aber leider auch die Variante mit dem größeren Schlafdefizit, was sich am nächsten Tag eher ungünstig bemerkbar machen wird…

 

 

Um 14 Uhr in Hannoversch Münden angekommen stellen wir fest, dass die Jugendherberge doch viel weiter außerhalb liegt, als angenommen und dass außerdem die einzige schnelle Verbindung zum Zentrum, eine Fußgängerbrücke über die Weser, wegen Baufälligkeit gesperrt ist. Das bedeutet einen Riesen-Umweg zur Ausgabestelle der Startkarten und Bustickets für den Shuttle-Bus, die es jetzt dringend abzuholen gilt, und so wird kurzzeitig alles etwas knapp… Dank Dietmars Hilfe schaffen wir es aber gerade noch und Jürgen übernimmt den Bustransfer zum Silberziel in Holzminden, 80 Flußkilometer entfernt…

 

So bleibt uns anderen Zeit für einen entspannten Nachmittag im malerischen Städtchen Hannoversch Münden. Wir, das sind Marion, unsere neugewählte Wanderwartin, Helga, stolze Besitzerin des neuerstandenen Proteus, der an diesem Wochenende auf seine erste große Tour startet und ich, letztes Jahr das erste Mal im Zweier dabei und diese Jahr im Einer, um allen Schmunzlern und nicht zuletzt mir selbst zu beweisen, dass ich das auch schaffe…

 

„Wo Werra sich und Fulda küssen, sie ihren Namen büssen müssen. Und hier entsteht durch diesen Kuß Deutsch bis zum Meer der Weser Fluß.“ So steht es seit 1899 auf dem Weserstein, aber bevor Fulda und Werra sich zur Weser vereinen, zweigen sie sich noch mehrfach auf, und so wird Hannoversch Münden zu einer Stadt des Wassers, der Brücken, Wehre und Schleusen.

Wir geniessen den Nachmittag und machen in einem Cafe Bekanntschaft mit der unglaublichen Direktheit der Nordhessen, die unserer sonst nicht auf den Mund gefallenen Wanderwartin schier die Sprache verschlägt 🙂

 

Am Abend stößt dann auch Jürgen wieder zu uns. Die Suche nach etwas Essbarem gestaltet sich schwierig, da wegen des Masseneinfalls von Ruderern und Kanuten aus ganz Deutschland alle Lokale ausgebucht sind. Schließlich finden wir aber doch noch 4 Plätze und eine Stärkung für den Rückweg zur Jugendherberge und das, was uns am nächsten Tag erwartet

Nach einer extrem kurzen Nacht im Gemeinschaftsraum klingelt am nächsten Morgen um 04.45 der erste Wecker… wieso tun wir uns das an?!

Eins ist sicher: Selbst im kältesten Zelt schläft man besser, und falls ich jemals auf die Idee kommen sollte, nochmal so zu übernachten, investiere ich vorher in Ohrstöpsel!

Die Sachen sind schnell zusammengepackt, das Frühstück schmeckt wirklich gut und um 6 Uhr stehen wir bei 0° neben unseren vereisten Booten, in denen das Gepäck in diesem Jahr zum Glück problemlos verstaut wird.

 

 

Wir stoßen uns vom Steg ab und gleiten durch den Nebel, der aus der Weser aufsteigt und durch den die anderen Paddler nur schemenhaft zu erkennen sind. Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch den Dunst und machen das Schauspiel perfekt. Was für ein Glück, hier sein zu dürfen und Teil dieses unglaublichen Moments zu sein! Ich denke an meine Familie, deren Tag erst in frühestens zwei Stunden beginnen wird und an die vielen Momente dieser Art, die ich in meinem Leben verpasst haben muss, weil ich schlafend im Bett lag…

 

Die ersten 20 km vergehen wie im Flug, Dietmars Ratschlag, warme Klamotten und Paddelpfötchen einzupacken, erweist sich als segensreich, und ich habe das Gefühl, ewig so weiterpaddeln zu können. Das muß die Mischung aus Adrenalin, Endorphinen und Morgenstimmung sein und die wunderschöne Gegend um uns herum, winzige Fachwerkörtchen, bewaldete Hügel und immer die Spannung, was hinter der nächsten Biegung kommt…

 

 

Nach 25km meldet sich meine Blase, nach 27 km dann die Ansage von Jürgen: „Ein Drittel ist geschafft!“ „Ich müßte dann mal kurz…“ „Auf keinen Fall, nicht bevor die Hälfte geschafft ist!“, lautet die klare Antwort.

OK, etwas geht noch, aber nach 32km muß ich dann allen Ansagen zum Trotz das Ufer ansteuern…

 

 

Noch 17km bis Beverungen, dem Bronzeziel und unserem avisierten Zwischenstopp. Marion und Jürgen geben nochmal richtig Gas, um die von mir vertrödelte Zeit wieder gut zu machen. Meine Arme werden immer schwerer, die letzten 8 km vor der Pause ziehen sich ewig, und als ich ein paar Minuten nach den anderen endlich ankomme, zweifle ich sehr daran, dass ich gleich noch 30km weiter paddeln werde. Vielleicht wäre ein Müsliriegel zwischendurch doch kein Fehler gewesen.

Zum Glück ist die Verpflegung in Beverungen ausgezeichnet und nach reichlich Pommes und Kuchen erwachen allen Theorien zur Sportlerernährung zum Trotz meine Lebensgeister wieder, und wir starten zur letzten Etappe.

Jürgen legt ein unglaubliches Tempo vor und ist uns bald weit voraus, während Marion und ich jetzt, wo wir wissen, dass wir Holzminden auf jeden Fall in der vorgegebenen Zeit erreichen werden, unser Tempo auf ein kraftsparendes Niveau reduzieren und uns in Ruhe Kilometer um Kilometer weiter flußabwärts bewegen.

10 Kilometer vor unserem Ziel lassen die Kräfte aber wieder langsam nach. Wir stossen auf ein jugendlich besetztes Ruderboot, auf dem die Stimmung gerade kippt und man sich mit den unflätigsten Beschimpfungen bedenkt. Plötzlich ein Schrei von unserer Wanderwartin: „Ja, genau, finde ich auch! Echt Sch… alles! Und mein A… tut weh!“

Beeindrucktes Schweigen bei den Ruderern…

Die letzten Kilometer verlaufen ruhig, wir nähern uns Holzminden. Und da ist der Campingplatz, wir haben es tatsächlich geschafft! Am Ufer steht Jürgen und erwartet uns.

Sicher sind wir schon mal schneller und eleganter aus unseren Booten herausgekommen, aber wir sind verdammt stolz auf uns, als wir schließlich unsere Silberziel-Aufkleber und die Wesermarathon-Kanubeutel entgegennehmen und danach anfangen, unsere Boote auszupacken.

Und noch bevor das letzte Boot auf dem Hänger liegt, wächst in Jürgen bereits ein kühner Gedanke:

„Nächstes Jahr ist Jubiläumsjahr, da könnten wir doch vielleicht die 130km…?!“

Herzlichen Dank meinen Mitstreitern, es war toll mit Euch! Ich hoffe, wir werden noch viele Herausforderungen dieser Art gemeinsam meistern

Nina

 

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