24 April 2010 Fünf Monate ist es her, dass wir den Entschluss fassten, uns über Ostern auf den Weg nach Korsika zu begeben. Fünf Monate mit Vorbereitungen, Vorfreude und noch genug Prüfungsstress.
Nun endlich ist es soweit. Matthias, Lars und Jan sitzen bei einem ersten kühlen Hacker-Pschorr mit Blick auf den Hafen Savonas auf der Fähre nach Bastia. Während die Sonne hinter den Ausläufern der Alpen verschwindet ist endlich Zeit, sich auf ein einwöchiges Abenteuer einzustimmen. Geplant sind acht Tage Action, Spaß und gute Stimmung und natürlich jede Menge Wildwasser.
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Nach einem entspannten Abend in der „Corsybar", mit Drinks und italienischem Livegesang, erblicken wir am nächsten Morgen zum ersten Mal die Insel der Schönheit: Korsika.
Mit dem Sonnenaufgang im Rücken erhebt sich hinter der Hafenstadt Bastia eine beeindruckende Bergkette, die sich über die gesamte Insel von Norden nach Süden erstreckt. Als eines der ersten Autos verlassen wir die Fähre auf Korsisches Terrain. Doch bevor es richtig nach Urlaub aussieht, durchfahren wir längere Passagen aus typisch französischen Reklameschildwäldern. Erst mit Verlassen der Küstenstraße zeigt sich, wofür wir auf die Insel gekommen sind. Entlang dem Golo schlängelt sich die Straße durch mit dichter Macchia bewachsene Berghänge.
In dem kleinen Ort Francardo, sehr zentral gelegen, schlagen wir auf dem Campingpatz Campita unser Zelt auf. Hier werden wir die nächsten vier Nächte verbringen. Der korsische Campingplatzwart – ein netter älterer blinder Monsieur, der sich als alternativ eingestellter Rentner erweist – sorgt für eine lockere Ankunft.
Nachdem das Zelt aufgebaut und eingeräumt ist, steht die erste Paddeltour auf dem Programm. Ab Pont de Castirla wollen wir 32 Kilometer des unteren Golos befahren. Nach längerer Paddelabstinenz soll uns der Abschnitt zum Einfahren dienen. Eineinhalb Stunden, nachdem Lars sich aufgemacht hat, das Auto zum Ziel umzusetzen, trifft er endlich am Start ein. In der Zwischenzeit hat er unter anderem die Bekanntschaft mit einem Korsischen Hobbysänger gemacht. Die Kultur soll ja schließlich nicht zu kurz kommen. Wenn man nur zu dritt mit einem Auto ausgerüstet auf einer fremden Insel unterwegs ist heißt es für einen trampen und für die anderen beiden warten und einen Sonnenbrand vermeiden.
Der Golo ist mit knapp 80 Kilometern der längste Fluss Korsikas. Bis auf eine Stelle, die wir vorsichtshalber umtragen, ist die Strecke für's Erste recht angenehm. Der Staubsauger erscheint uns aufgrund des niedrigen Wasserstandes zu ungesund für Arme und Schultern. Der untere Teil des Golos bietet vor allem mit seinen vielen Autowracks einen recht eigenartigen Anblick. Man fühlt sich teilweise wie beim Durchpaddeln einer Mülldeponie. Kurz gesagt freuen wir uns am Ende der Etappe auf den entspannteren Teil des Tages.
Schließlich erklären uns nicht wenige Paddler für verrückt, solch ein langes Stück zu fahren. Unsere Antwort: „Wir sind ja schließlich zum Paddeln nach Korsika gekommen." Den zweiten Tag beginnen wir mit der Suche nach einer Gruppe, der wir uns zwecks Shuttelns anschließen können. Mit einem größeren Trupp Freiburger Studenten geht es an der Universitätsstadt Corte vorbei in das Tal des Vecchio. Dort lautet das Fazit trotz schönen Anblicks schließlich: „Zu wenig Wasser. Kein Bock auf Steineschrabben!" Aber Korsika wäre nicht Korsika, wenn man nicht fast um die Ecke einen weiteren tollen Bach mit genügend Wasser im Bett finden würde. Es geht zum Tavignano, der – laut DKV-Führer – eine der schönsten Schluchten Europas durchfließt.
Ein erster Abschnitt bis zu einer Staumauer gestaltet sich noch eher unspektakulär. Doch bereits nach Verlassen der Fischtreppe, die sich als einziger Weg hinter das Wehr erweist, wird der Tavignano schmaler und die Felswände an seinen Ufern steiler. Den Höhepunkt stellt dann eine Passage dar, die durch ihre steilen Wände nur einen Schluss zulässt: „Rein fahren und schauen, wie es weitergeht." Das Wildwasser bleibt fair, sodass die engen, unübersichtlichen Stellen richtig Laune machen. Als die Schlucht den Fluss auf nur 1,5 Meter zusammenstaucht, ist es mindestens eine der schönsten Schluchten Europas und wir stellen schließlich trotz einer relativ verregneten Tour fest, dass wir schwer fasziniert sind. Im Nachhinein sind wir vor allem von der Kilometerleistung der ersten beiden Tage beeindruckt.
Mit 50 Kilometern hatten wir schon weit mehr als die Hälfte der Gesamtkilometer unseres Urlaubs hinter uns gebracht. Von nun an sollte Aussteigen, Klettern, Sichern genauso zu unserem Urlaub gehören wie das Paddeln und die Tageskilometerleistung stark sinken.
Zum Ausklang des Tages besichtigen wir noch den Asco, der sich nicht weit vom Campingplatz entfernt, durch ein verlassenes enges Tal schlängelt. Landschaftlich Eins A, der Pegel lässt jedoch zu wünschen übrig. Schließlich entscheiden wir uns gegen eine ausgeprägte Begutachtung der Steine im Asco-Flussbett.
Der Montag soll dann mit der Befahrung des oberen Golo ein Abenteuer mit schwierigem Wildwasser werden. Zusammen mit zwei Münchener Architekten begeben wir uns in die Regionen, in denen der Bach noch ohne weiteres zu Fuß übersprungen werden kann und an seinen Ufern Wildschweine ihre Spuren hinterlassen haben. Über viele Rutschen und Sprünge, die wir immer wieder besichtigen müssen, fließt der Golo hier mitten
durch die Korsischen Wälder. Schnell stellen wir fest, was es für ein Vorteil ist, Passagen bereits zu kennen und nicht ständig erkunden zu müssen. Ab und zu werden wir von Gruppen überholt die mit dem Abschnitt vertraut sind, kurz den Hals lang machen und sich in die nächste verblockte Stelle stürzen. Zur Mitte der Strecke nehmen die Umtrager schließlich zu. Matthias findet noch eine Doppelstufe, die er fahren möchte. Also heißt es:
Besichtigen, Route auswählen, Mut einreden und für die Anderen, sich zur Sicherung in Position zu bringen. Die erste Stufe klappt problemlos. Der Rücklauf erweist sich als geringer als zunächst erwartet. An der zweiten Stufe, die aus einem kurzen Abfall an einem Rechtsknick und anschließender starker Walze besteht, gelingt Matthias die Anfahrt nicht wie geplant. Also heißt es: „Walze reiten!" Da eine Seite der Walze unter einen Felsen zieht, und es keinen richtigen Auslauf gibt, heißt es auch nach einiger Zeit immer noch: „Walze reiten!" Aber für so eine Situation stellt man einfach einen Lars auf den Felsen, der wirft Matthias einen Wurfsack zu und zieht ihn samt Boot aus der Gefahrenstelle. So bleibt uns eine tolle Story mit gelungener Rettungsaktion, die zunächst nicht so glücklich aussah. Da uns die Zeit allmählich davon rennt und der Golo nicht zu enden scheint, eschließen wir kurzer Hand nach sechs Stunden Spektakel die Tour noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang abzubrechen. Nach mühseligem Klettern hinauf zur Straße, tellen wir fest, dass wir gerade einmal zwei Drittel der Strecke bewältigt haben. So kann es gehen, wenn man sich neben dem Paddeln mit Klettern, esichtigen, Umtragen, Sichern und Fotografieren beschäftigt.
Um nicht gleich wieder den Tag mit einer Mammuttour zu beenden, beschließen wir, uns am Dienstag auf einem kurzen Stück des oberen Golo zu vergnügen. Dieser Abschnitt schließt sich direkt an die Strecke des Vortags an. Unsere Münchener Paddelkollegen versprechen uns technisches Wildwasser vor toller Bergkulisse. Da der Abschnitt nur drei Kilometer misst, ist auch genug Zeit für einige Fotosessions. An den vielen, vom Boot
aus uneinsehbaren Stufen, positionieren wir einen Retter und einen Fotografen. Für den Fahrer heißt es dann, die optimale Linie wählen, Gas geben und in
die Kamera lächeln.
Und die Architekten behalten Recht. Dieser Abschnitt des Golo wartet bis zum Stausee mit vielen interessanten Passagen auf. Dabei sind permanent die verschneiten Gipfel des Monte Cinto- Massivs im Hintergrund präsent. Am Ende der Tour haben wir alle Passagen gemeistert, tolle Fotos geschossen und Lust auf noch mehr bekommen. Nur die Boote scheinen mit unserem Fahrstil nicht ganz einverstanden zu sein. Zahlreiche Kratzer und nur noch halbe Werbeaufkleber zeugen von unseren bisherigen Erlebnissen.
Den Abend lassen wir anschließend am Lagerfeuer unter einem grandiosen Sternenhimmel ausklingen. Immer wieder stellt jemand fest: „Alter
Falter, sind das viele Sterne!" Am Tag darauf paddeln wir dann doch auf dem Vecchio, der nach den Regenfällen vom Sonntag etwas mehr Wasser als drei
Tage zuvor führt.
Schon früh am Morgen, bevor Architekten das Tageslicht erblicken, hatten wir uns zum Campingplatz Ernella aufgemacht. Erst nachdem das Zelt aufgebaut war, ging es dann von dort aus zum verabredeten Treffpunkt am Vecchio. Um den Adrenalinpegel noch etwas höher zu jagen, steigen wir nicht am Standardeinstieg des unteren Abschnittes ein, sondern schlagen uns einen Kilometer oberhalb durch das Geäst. Nach kurzer Expedition ist ein Weg
gefunden und es geht los. Wieder heißt es: erkunden, absichern und dann den Abschnitt meistern.
Abends, zurück auf dem Campingplatz fällt Eines direkt auf. Dieser lebt von den vielen Paddlern, die aus aller Herren Länder auf die Insel strömen. Zum Beispiel aus Leverkusen, Witten, Köln, Paderborn, um nur einige wenige zu nennen. So scheint jedoch nur der erste Eindruck. Am großen Lagerfeuer kommt man dann schnell mit Iren, Spaniern und Franzosen ins Gespräch. Und so stellen wir schnell fest, wie viele Flüsse wir noch nicht abgehakt haben. Ein Bach, der in den Lagerfeuererzählungen oft auftaucht, ist der Fium Orbo. Er bietet technisch anspruchsvolles Wildwasser und wird in den Kanuführern als nicht ganz ohne dargestellt.
Kurz hinter einer irischen Truppe wagen wir uns an den unteren Abschnitt heran. Über viele Sprünge geht es stetig mit ordentlichem Gefälle talabwärts. Das Schöne an den Korsischen Flüssen ist, dass es hinter den meisten Steilpassagen immer wieder Gumpen gibt, in denen man durchatmen und sich in der Gruppe sammeln kann.
An der Schlüsselstelle, die von der Straße aus nur schwer einzusehen ist, gilt es schließlich durch drei dicht aufeinander folgende Stufen zu paddeln. Im ersten Teil führt eine enge rutschenartige Verblockung direkt an einer haushohen Felswand entlang. Dort muss Fahrt aufgenommen und das Boot richtig gestellt werden. Und schon geht es mit ordentlicher Wucht unterm Kiel abwärts. Es folgt ein Sprung, der mit dem richtigen Boofschlag nahezu ohne Spritzwasser bewältigt werden kann. Dazu sollte natürlich das Boot genug Volumen haben, nicht wahr Lars? Zum Abschluss der Passage geht es noch einmal dicht am Fels entlang. Was sich vom Boot aus rasend schnell bewältigen lässt, kostet uns allerdings eine Stunde bei der Besichtigung.
Was die Zeit angeht, haben wir also noch jede Menge aufzuholen. Ebenso bemerkenswert sind zwei Stellen, an denen der Fium Orbo vollständig unter einem Felsblock verschwindet.
Durchtauchen ist hier nicht empfohlen.
Hätte der Bach nicht zwei endlos erscheinende flache Kilometer am Schluss, wäre dieser Abschnitt nahezu perfekt. Allerdings müssen wir hier noch dicht
bewachsene Engstellen durchs Gestrüpp und fast stehendes Gewässer abarbeiten.
So kann man sich den Spaß noch richtig aus dem Kopf fahren.
Um den Tag dennoch als Erfolg abhaken zu können gibt es zum Abendessen Korsische Spezialitäten á la Ernella. Vielleicht sollte man diese doch eher in einem Restaurant und nicht von Pappgeschirr auf dem Campingplatz genießen. Jedenfalls wirkt ungebackenes Brot und geschmackloser Ziegenkäse nicht sehr überzeugend. Immerhin die korsische Bratwurst ist zu empfehlen. Wir wissen allerdings auch nicht was drin ist.
Für ausgelassene Stimmung sorgen allerdings vier Korsische Sänger, die den Irischen Teil der Anwesenden zu einem Wettstreit im Volksliedgesang animieren. Auch der Irische Whiskey schlägt an diesem Abend korsischen Wein. Vielleicht liegt es an der Servierung des Weins in Plastikbechern.
Bei trübem Wetter und mit dickem Kopf fällt der Entschluss schließlich leicht, den Freitag paddelfrei zu gestalten. Stattdessen erkunden wir das Restonica-
Tal. Die Restonica besitzt mit 105‰ im oberen Abschnitt ein erstaunliches Gefälle und frisst sich zugleich durch ein enges Tal, an dessen Ende
schneebedeckte Berge empor ragen. Hier lautet das Kontrastprogramm zu den letzten Tagen: Wandern.
Matthias und Lars vergeht jedoch aufgrund der vielen Schneeflächen schnell die Lust. So macht sich Jan alleine auf den Weg zum Lac de Melu. Und das Ende vom Lied: Endlich die steilen Schneefelder überwunden, zeigt sich hinter einer Kuppe der See, alles weiß.
Mit einer Pizza in Corte schaffen wir es dann anschließend doch noch in ein einheimisches Restaurant. Pizza gut, Bier gut, alle satt, schön ‚Korsisch' gegessen! Die Entscheidung bei der Wahl des letzten Flusses zwischen Taravo und Fium Orbo, fällt auf einen weiteren Abschnitt des Fium Orbo. Wiederum oberhalb eines Stausees liegt die Défilé des Strette.
Hier findet unser Korsika-Abenteuer seinen krönenden Abschluss. Mit einer Ausschreibung von Wildwasser IV – VI wirkt unser Vorhaben zunächst gewagt. Am Lagerfeuer, einen Abend zuvor, wird dieser Abschnitt jedoch als durchaus machbar dargestellt.
Die Abfälle wirken auf einmal noch höher und noch unübersichtlicher. Ständig steht man vor der Entscheidung: „Fahren oder doch besser umtragen?" edoch sind unsere paddlerischen Fähigkeiten innerhalb der letzten Tage gestiegen und auch der Mut scheint auf dem Höhepunkt zu stehen. Dennoch wird
diese Tour nicht nur körperlich anstrengend.
Möchte man am Ende eine besondere Stelle hervorheben, so zählt auf jeden Fall der Schlitz dazu. Der Fium Orbo zwängt sich durch einen schmalen
Spalt, fällt ca. drei Meter ab und schießt anschließend auf eine dunkle Felswand zu. Da eine Vorgängergruppe gut hinunterkommt und ein Felsenstart eher umständlich wirkt, entscheiden wir uns ebenfalls für eine Befahrung. Ohne zu sehen, wo es wirklich hingeht, ist die Anspannung am Start zunächst groß. Doch während der Abfahrt ist alles vergessen. Vielmehr spürt man die Geschwindigkeit, mit der man auf die Felsen zuschießt. Deshalb: Paddel ins Wasser, einlenken und anschließend von den Felsen wegarbeiten. Top! Wir sind zufrieden, die Strecke mit nur zwei kurzen Umtragern bewältigt zu haben, auch wenn Jan an dem Letzten einen etwas unsauberen Felsenstart demonstriert. Die Wirbelsäule erinnert auch noch Tage später an das Missgeschick. Als schließlich die Brücke das Ziel markiert, sind wir einfach nur happy, diesen Abschnitt mitgenommen zu haben. Es war echt genial.
Während wir am nächsten Mittag bei starkem Seegang auf der Fähre sitzen und die Insel langsam verblasst, steht eines schon fest: Das war garantiert nicht der letzte Trip nach Korsika!!! Die Fülle an Flüssen im mittleren und oberen Schwierigkeitsgrad macht die Insel der Schönheit zu einem Paradies für Wildwasserpaddler. Für den nächsten Korsika- Urlaub stehen auf jeden Fall Travo und Taravo und weitere Flüsse im Westen der Insel auf unserem Programm. Und wer jetzt nicht auch ins Schwärmen gekommen ist, sollte sich unbedingt selbst ein Bild verschaffen.
Geschrieben von J. Faber